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Schweizer Geschichte: Der Landesgeneralstreik von 1918

Der Klassenkämpfer

Robert Grimm: Der schillernde Sozialist war Rädelsführer des Landesstreiks 1918.

Die Schweiz befand sich im Spätherbst 1918 in einer innenpolitischen Zerreissprobe. «Die Stunde ist ernst, bitter ernst», rief Robert Grimm am 13. November seinen Amtskollegen im Nationalrat entgegen. «Sie haben die Macht der Bajonette, die Macht der brutalen Gewalt. Wir haben die Macht der Idee.» Zwei Tage zuvor hat-te ein von Grimm angeführtes «Oltener Aktionskomitee» den Landes-Generalstreik ausgerufen, an dem sich rund eine Viertelmillion Arbeiter beteiligte.
In Europa herrschte seit vier Jahren Krieg. Hohe Kosten für Lebensmittel machten vor allem den Arbeitern das Leben immer schwerer. Zudem forderte ein tödliches Grippevirus zahlreiche Opfer. Seit Anfang Jahr verhandelten der Bundesrat und die Vertreter der Arbeiterschaft, allen voran Grimm, über Preissenkungen – ohne Erfolg. Wäh-rend eines Proteststreiks lösten Soldaten eine Demonstration auf dem Zürcher Fraumünsterplatz gewaltsam auf. Darauf bewilligte die Landesregierung auf Antrag General Willes eine Aufstockung der Truppen vor allem für die Städte Bern und Zürich, wo Unruhen befürchtet wurden.
Dies wurde von der Arbeiterseite als Provokation empfunden. Robert Grimm verfasste den Streikaufruf. Darin forderte er nebst Preissenkungen auch das heute selbstverständliche Proporzwahlrecht, das Frauenstimmrecht, die Einführung der 48-Stunden-Woche und eine Alters- und Invalidenversicherung.
Doch war er gegen Gewalt, und seine Forderungen zielten auf Veränderungen innerhalb des Systems statt auf einen politischen Systemwechsel. «Grimm war kein Revolutionär, eher ein radikaler Reformer. Als grossartiger Redner verkörperte er im positiven Sinne den Volkstribun», urteilt der Historiker Karl Lang. «Er schaffte den Brückenschlag Arbeiter–Intellektuelle–Politiker und war die treibende Kraft der Generalstreikbewegung.»
Bald standen die Streikenden den Soldaten gegenüber. «Kapitulation oder Bürgerkrieg?» lautete die Frage, nachdem der Bundesrat ultimativ die bedingungslose Wiederaufnahme der Arbeit verlangt hatte. Das Komitee gab nach. Darauf kam es zu einem Prozess gegen die Anführer des Streiks. Doch man konnte ihnen weder nachweisen, dass sie vom Ausland beeinflusst worden waren. Noch, dass sie eine revolutionäre Umwälzung geplant hatten. Trotzdem wurde Grimm zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Er nutzte diese Zeit und schrieb sein Buch über die Schweiz in ihren Klassenkämpfen.
Robert Grimm war auch Theoretiker und Journalist. Als Redaktor machte der Arbeitersohn und gelernte Typograf die «Berner Tagwacht» zum Kampfblatt der Arbeiterschaft. Und schon als 25-Jähriger erhitzte er mit der Broschüre «Der politische Massenstreik» die Gemüter.
Seinen Einsatz für die ärmeren Schichten gab er auch nach dem Landesstreik nicht auf. «Als Parteimann hat sich Grimm immer für eine sozialistische Alternative eingesetzt», sagt Lang. «Er war ein kantiger Streiter und pflegte zuweilen einen autoritären Stil, diente auch mit den Jahren nicht als Integrationsfigur. Deshalb wurde er wohl nie Bundesrat.» Trotzdem machte Grimm als Verfasser des SP-Parteiprogramms von 1935 die Sozialdemokratie in der Schweiz regierungstauglich. Denn er verzichtete darin auf die «proletarische Diktatur» als Ziel und legte ein Bekenntnis zur Landesverteidigung ab.
Pascal Unternährer

Aus Coop-Zeitung Nr. 30/1999
Robert Grimm
* 16. April 1881 in Wald (ZH)
† 8. März 1958 in Bern
Politiker, Publizist
Verheiratet mit Rosa Reichesberg, dann mit Jenny Kuhn, vier Kinder
Grimm bekleidete für die SPS in Stadt und Kanton Bern zahlreiche politische Ämter
Von 1911 bis 1955 war er Nationalrat

Buchtipps: Adolf McCarthy: «Robert Grimm. Der schweizerische Revolutionär». Francke Verlag, Fr. 74.80, ISBN 3-317-01668-5
Robert Grimm: «Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen». Limmat Verlag. 32 Franken. ISBN 3-85791-003-8
Quelle: web www.museums-gesellschaft.ch/streik/grimm.html

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