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Schweizer Geschichte: Der Landesgeneralstreik von 1918

Landesstreik 1918: Als die Schweiz ein bewegtes Land war


Vorgeschichte
Der Streik
Forderungen


Vorgeschichte

Der Generalstreik kam im letzten Kriegsjahr nicht aus heiterem Himmel. Von 1900 bis 1914 zählte man im Mittel 125 Streiks pro Jahr, womit die Schweiz zu den bewegteren Ländern Europas gehörte. Nach einer kurzen Beruhigung zu Beginn des Ersten Weltkrieges tat sich ein immer tieferer sozialer Graben auf. Während ein Teil der Unternehmer riesige Kriegsgewinne einfuhr und auch die Bauernschaft so gut wie schon lange nicht mehr verdiente, lebte ein wachsender Teil der Arbeiterschaft in grösster Armut und war auf staatliche Unterstützung angewiesen. Anders als im Zweiten Weltkrieg wurden die äusserst knappen Lebensmittel erst gegen Schluss und dann nur ungenügend rationiert.

Den Arbeiterinnen und Arbeitern entging nicht, wie wichtig sie gerade in Kriegszeiten waren. Sowohl die Armee mit der Grenzbesetzung als auch die florierenden Betriebe - nicht zuletzt die, die für die Kriegsparteien produzierten - sorgten für günstige Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt. Unter diesen Bedingungen verbesserten sich gegen Kriegsende die Erfolgsaussichten bei Streiks; seit 1917 nahmen diese daher zu - parallel zur Entwicklung im Ausland.

Für die Arbeiterorganisationen, deren Anliegen bei den Behörden auf wenig Widerhall stiessen, lag es nahe, den Streik als Druckmittel auch auf politischer Ebene ins Auge zu fassen. Das Oltener Aktionskomitee, in dem Robert Grimm im Februar 1918 über die etablierten Institutionen hinweg die wichtigsten Gewerkschafts- und Parteifunktionäre einer neuen Generation vereinigte, richtete mehrmals Forderungen an den Bundesrat, so im März ein 15-Punkte-Wirtschaftsprogramm mit Schwergewicht auf der Lebensmittelversorgung, im April die Ablehnung einer Milchpreiserhöhung und im Juli elf Forderungen vor allem gegen die Einschränkung politischer Rechte, erneut zur Lebensmittelversorgung sowie zu Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen. Anders als früher mussten die Behörden auf diese Begehren zumindest teilweise eingehen, denn sie wurden jeweils mit einer Generalstreik-Drohung verbunden.

Im Herbst 1918 verhärtete sich das Klima. Der Zusammenbruch der alten Ordnung und der Aufstieg der Arbeiterbewegung war in den Nachbarländern Deutschland und Österreich absehbar, und nicht wenige befürchteten Ähnliches für die Schweiz. Sie sahen im Streik der Zürcher Bankangestellten Ende September, den die Arbeiterunion mit einem lokalen Generalstreik unterstützte, die Generalprobe für die Revolution. Andere wollten die aufbegehrende Arbeiterschaft ein für alle Male zurückbinden, und dies musste vor der Demobilisierung der Armee geschehen. Vor dem Bekanntwerden der militärischen Besetzung Zürichs am 7. November hatten die überraschten Arbeiterorganisationen keine Aktion vorbereitet. Um die allgemeine Empörung zu kanalisieren, rief das Oltener Aktionskomitee für Samstag, den 9. November, einen Proteststreik aus, der an fast allen Orten ruhig verlief. In Zürich allerdings versuchte Oberstdivisionär Emil Sonderegger - später einer der führenden Rechtsextremen -, mit seinen Truppen Demonstrationen zu verhindern. Damit waren alle Vermittlungsbemühungen aussichtslos. Das Oltener Aktionskomitee - vor der Wahl, die Kontrolle über die Bewegung endgültig zu verlieren oder mitzuziehen - beschloss nach langer Diskussion einstimmig, für Dienstag, den 12. November, einen landesweiten Generalstreik auszurufen.


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Der Streik

Die allgemeine Arbeitsniederlegung, an der sich gemäss einer Umfrage des SGB (Schweizerischer Gewerkschaftsbund) rund 250 000 Arbeiterinnen und Arbeiter beteiligten, verlief weitgehend ruhig. In Basel etwa, der Stadt mit der stärksten radikalen Strömung in Sozialdemokratie und Gewerkschaften, kam es zu keinerlei Zwischenfällen, weil zwei bürgerliche und die beiden sozialdemokratischen Regierungsräte gemeinsam einen Aufmarsch der Armee verhinderten. Nur an wenigen Orten, meist bei aggressivem Vorgehen der Truppen, geriet die Lage kurzfristig ausser Kontrolle. Mit fortschreitender Dauer formierten sich die Gegenkräfte; im bürgerlichen Lager gewann der unversöhnliche Flügel an Boden. Nachdem sich Bundesrat und verschiedene Kantonsbehörden nach der ersten Überraschung konzessionsbereit gezeigt hatten, verhärtete sich ihre Haltung zusehends. Am 13. November verlangte die Landesregierung mit Hinweis auf die einsatzbereite Armee den bedingungslosen Abbruch der Bewegung. Das Oltener Aktionskomitee fügte sich dem Druck und rief zur Wiederaufnahme der Arbeit auf, sodass am 15. November, am Freitagmorgen, fast überall wieder gearbeitet wurde.


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Forderungen

Mit der Zeit fanden immerhin die neun Forderungen der Streikproklamation mehr Aufmerksamkeit, in moderner Terminologie: Neuwahl des Nationalrates nach dem Proporz, Frauenstimmrecht, allgemeine Arbeitspflicht, 48-Stunden-Woche, Demokratisierung der Armee, sichere Lebensmittelversorgung, Altersversicherung, Staatsmonopol für den Aussenhandel sowie Vermögenssteuer. Massnahmen zu Arbeitspflicht, Lebensmittelversorgung und Aussenhandel entfielen mit dem Ende der Kriegswirtschaft. Die übrigen Punkte fanden bis 1971 ganz oder teilweise Verwirklichung.

Ein Zusammenhang mit dem Generalstreik lässt sich allerdings nur bei der Erfüllung von zwei Forderungen herstellen. So entstand von Anfang 1919 bis 1925 die Verfassungsgrundlage für die Alters- und Hinterlassenenversicherung; die effektive Einführung ging dann erst nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zuletzt wegen der noch immer gegenwärtigen Angst vor einem weiteren Generalstreik zügig voran.

Die weitaus klarste materielle Folge des Streiks von 1918 war eine massive Arbeitszeitverkürzung. Das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement und Spitzenfunktionäre von Unternehmerverbänden machten eindringlich auf die Gefahr einer Wiederholung der allgemeinen Arbeitsniederlegung aufmerksam, falls die 48-Stunden-Woche nicht eingeführt werde. Tatsächlich gelang es bereits im Jahre 1919, durch Absprachen und Gesetze in der Industrie, im öffentlichen Dienst und in zahlreichen Gewerbezweigen die neue Normalarbeitszeit durchzusetzen.



Auszüge aus einem Artikel in der web Wochenzeitung:
Dossier "Generalstreik 1918 - Beilage zur WOZ 5.11.98"
Autor: Bernard Degen
Quelle: web http://www.woz.ch/d/generalstreik-1918 -> Dossier Archiv

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