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Schweizer Geschichte: Der Landesgeneralstreik von 1918

Der Soldatenerzieher

Ulrich Wille: Im Ersten Weltkrieg befehligte er die Schweizer Armee. Doch seine Sympathie für Deutschland hätte ihn fast das Amt gekostet.

Der Bundesrat diskutierte im Herbst 1917 einen delikaten Befund: Der Armeearzt, Oberst Hauser, hatte die Überzeugung geäussert, «dass Herr General Wille senil geworden sei». Nun stand die Absetzung des Generals zur Debatte. Bis heute ist umstritten, ob Wille tatsächlich an Senilität litt oder ob der ärztliche Befund Teil einer Intrige war, um ihn als Oberbefehlshaber loszuwerden.
Der Vorfall ist aber typisch für die Laufbahn Willes, der die Menschen zeitlebens polarisierte. Als Waffenchef der Kavallerie und später als Divisions- und Korpskommandant modernisierte Wille zu Beginn des Jahrhunderts das schweizerische Wehrwesen. Er forderte die Erziehung des Bürgers zum Soldaten. Drill und Disziplin sollten die Mittel dazu sein. «Für Wille war die Armee die Keimzelle des Staates», meint der Zürcher Militärhistoriker Rudolf Jaun. «Die Legitimation einer Nation musste sich seiner Ansicht nach im Krieg erweisen.» Deshalb sei ihm die Kampfbereitschaft der Nation wichtiger gewesen als die Erhaltung der Demokratie: «Wenn es in einem Staatswesen, wo das Volk selbst über die Gestaltung aller öffentlichen Dinge zu entscheiden hat, unmöglich sein sollte, ein genügendes Wehrwesen zu bekommen, so wäre dies ein Zeichen für das Falsche dieser Staatsform», sagte er 1905 in einem Vortrag. In der Öffentlichkeit stiessen diese Ideen auf Widerstand. Man sprach von einer «Verpreussung» der Milizarmee.
Dennoch wurde Ulrich Wille am 3. August 1914 zum General der Schweizer Armee gewählt. Vor allem aus der Romandie hatte es erbitterten Widerstand gegen den deutschfreundlichen Korpskommandanten gegeben. Während Willes Amtszeit kam die Armee nur ein einziges Mal ernsthaft zum Einsatz: beim Generalstreik 1918. Im Laufe des Krieges hatte sich die materielle Situation der Bevölkerung dramatisch verschlechtert.
Deshalb riefen die Arbeiter 1918 zum Generalstreik auf. Wille drängte darauf, die Armee aufzubieten, um die Arbeiter in die Fabriken zurückzutreiben. Der Streik wurde schliesslich mit militärischer Gewalt beendet, was das innenpolitische Klima auf Jahrzehnte hinaus vergiftete.
Dass der Bundesrat den General noch vor Ende des Krieges los werden wollte, hatte aber nicht mit seiner Haltung während des Generalstreiks zu tun, sondern mit seinen Sympathien für die Deutschen. Nach dem Kriegseintritt der USA und der sich abzeichnenden Niederlage Deutschlands wurde Wille zur aussenpolitischen Hypothek. Das ärztliche Gutachten von Armeearzt Hauser kam dem Bundesrat deshalb wie gerufen.
Dass Ulrich Wille sein Amt dann doch bis zum Ende des Krieges behalten durfte, war reiner Zufall. Korpskommandant Audéot, der als Nachfolger Willes vorgesehen war, starb unerwartet im November 1917. Mit dem als liberal geltenden Audéot an der Spitze der Armee wäre der Generalstreik vielleicht anders verlaufen und damit auch die Schweizer Geschichte der Zwanziger- und Dreissigerjahre.

Christof Dejung

Aus Coop-Zeitung Nr. 40/1999
Conrad Ulrich Sigmund Wille
*5. April 1848 in Hamburg
+31. Januar 1925 in Meilen (ZH
Jurist und Instruktionsoffizier
Verheiratet mit Clara Gräfin von Bismarck, 2 Töchter, 3 Söhne

Buchtipp:
Rudolf Jaun: «Preussen vor Augen. Das schweizerische Offizierskorps im militärischen und gesellschaftlichen Wandel des Fin de siècle.» Chronos Verlag, 68 Franken, ISBN 3-905313-11-1.
Quelle: web www.museums-gesellschaft.ch/streik/wille.html

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